Die Krankenkassenprämien sind heute die grösste Sorge der Schweizer Haushalte. Zwischen Kantonen, die doppelt so viel bezahlen wie ihre Nachbarn, der wiederkehrenden Debatte um eine Einheitskasse und der hartnäckigen Frage nach der Eigenverantwortung der Versicherten sucht das System nach einem Ausweg, den weder die Politik noch der Markt bislang bieten konnten.
Im Jahr 2026 liegt die durchschnittliche Monatsprämie in der Schweiz für die Grundversicherung bei 393 Franken, ein Anstieg um 4,4 % gegenüber dem Vorjahr, das seinerseits bereits von deutlich stärkeren Erhöhungen geprägt war. Doch dieser nationale Durchschnitt verdeckt radikal unterschiedliche Realitäten je nach Wohnort. In Genf, dem teuersten Kanton des Landes, zahlt ein Erwachsener durchschnittlich 586 Franken pro Monat, während ein Einwohner von Appenzell Innerrhoden nur 271 Franken entrichtet – mehr als doppelt so viel für einen strikt identischen Schutz: Der Befund ist hart, aber nicht willkürlich. Diese Abstände folgen den tatsächlichen Gesundheitskosten in den einzelnen Regionen sehr genau, und genau darin liegt die ganze Komplexität des Problems. Die Unterschiede sind nicht zufällig: Sie spiegeln direkt die realen Gesundheitskosten in jeder Region wider. Laut einer Studie des CSS-Instituts lassen sich 60 % der Unterschiede zwischen den Kantonen durch die Inanspruchnahme von Leistungen erklären, also durch das Verhalten der Versicherten selbst, und 40 % durch die Dichte des medizinischen Angebots. In urbanen Kantonen wie Genf, Basel-Stadt oder dem Tessin fördert die Konzentration von Ärzten, Spezialisten und Spitälern den Konsum von Gesundheitsleistungen mechanisch. Die Nähe des Angebots schafft ihre eigene Nachfrage, und die Prämien ziehen mit. Hinzu kommt ein oft unterschätzter kultureller Faktor: Versicherte in der Romandie und im Tessin konsultieren im Durchschnitt häufiger als ihre Deutschschweizer Pendants, bei denen die Tradition der individuellen Verantwortung im Gesundheitsbereich ein tief verankerter Marker bleibt.
Genau dieser Befund belebt regelmässig die Debatte über eine Einheitskasse neu. Ihre Befürworter argumentieren, das heutige System halte einen weitgehend fiktiven Wettbewerb aufrecht: Die Kassen konkurrierten nicht über die Qualität der Leistungen, die durch das KVG festgelegt sei, sondern über die Auswahl der guten Risiken und über hohe Verwaltungskosten. Eine einzige öffentliche Kasse würde es nach ihrer Ansicht ermöglichen, diese Kosten zu bündeln und bei der Prämienfestsetzung für mehr Transparenz zu sorgen. Die Gegner entgegnen, ein Monopol würde jede Innovation und jeden Effizienzanreiz abwürgen und die Krankenversicherung in eine unkontrollierbare bürokratische Maschine verwandeln. Das Schweizer Stimmvolk, das zwischen 1994 und 2014 viermal dazu befragt wurde, lehnte diese Idee jedes Mal ab, zuletzt mit 61,5 % der Stimmen. Das Urteil der Urne ist klar, auch wenn der Druck auf die Familienbudgets es mit jeder neuen Prämienerhöhung erneut untergräbt. Seit Inkrafttreten des KVG im Jahr 1996 sind die Prämien nämlich strukturell schneller gestiegen als die Kaufkraft der Haushalte und haben die Krankenversicherung zu einer echten regressiven Steuer für die Mittelschicht gemacht.
Bleibt der Weg der Eigenverantwortung, im Grundsatz konsensfähiger, in der Umsetzung jedoch heikler. Das Instrument der Franchisen gibt es bereits: Wer sich für die Maximalfranchise von 2’500 Franken statt der Mindestfranchise von 300 Franken entscheidet, senkt seine Monatsprämie deutlich, trägt im Krankheitsfall aber auch mehr selbst. Dieses Modell funktioniert für gesunde Menschen; chronisch Kranke hingegen werden benachteiligt, für die eine hohe Franchise rasch zur finanziellen Falle wird. Über die Franchise hinaus fehlt es an einer eigentlichen Gesundheitsbildung. Zu viele Versicherte wissen noch immer nicht, dass ein Anruf beim Hausarzt vor dem Gang in die Notaufnahme erhebliche Kosten vermeiden kann, die sich auf alle Prämien auswirken. Zu wenige wissen, dass alternative Modelle wie Hausarztmodell, HMO oder Telemedizin Rabatte von 10 bis 20 % bieten, ohne die Behandlungsqualität zu mindern. Die Forscherin Caroline Chuard-Keller verweist auf ein aufschlussreiches Paradox: Die meisten Versicherten wissen weder, wie ihre Prämien berechnet werden, noch, weshalb sie je nach Wohnort so stark variieren. Vielleicht beginnt genau dort alles, in diesem Raum zwischen Unwissen und Entscheidung, in den weder die Kassen noch die öffentlichen Behörden bislang wirklich vorgedrungen sind. Die Stabilisierung der Gesundheitskosten wird weniger einen Bruch als vielmehr eine Summe kohärenter Reformen erfordern: das Angebot regulieren, die Versicherten in die Verantwortung nehmen, Transparenz gewährleisten, Solidarität erhalten. Ein Programm, bescheiden in seinen erklärten Ambitionen, anspruchsvoll in seiner Umsetzung – ganz im Bild der Schweiz selbst.
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