Interview von Malek Semar, Gründer von No Water No Us

21 April 2026

Interview von Malek Semar, Gründer von No Water No Us

Foto vom No Water No Us-Gipfel in Genf 2026, von links nach rechts: Malek SEMAR – Keith JAMES – Massimiliano Mayrhofer ©️ Houssam Khaled

Malek Semar „Wasser ist kein Problem: Es ist die Lösung. Was uns bedroht, ist schmutziges Wasser“.

Wasser wurde lange Zeit als eine reichlich vorhandene und selbstverständliche Ressource wahrgenommen, doch heute offenbart es seine systemische Verletzlichkeit: massive Kontamination, überlastete Infrastrukturen, Nutzungskonflikte, Verwundbarkeit von Gebieten und eine zunehmende Abhängigkeit globalisierter Volkswirtschaften. Weit davon entfernt, nur ein Umweltthema zu sein, wird Wasser zu einem Faktor für Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität. Für Unternehmen wie für Staaten ist es keine Option mehr, seine Dynamik, Risiken und Chancen zu verstehen, sondern eine Voraussetzung für Resilienz. In diesem Kontext bringt Malek Semar, Gründer von No Water No Us, eine radikal andere Sichtweise ein. Für ihn ist die Wasserkrise keine Krise der Knappheit, sondern eine Krise der Verschmutzung; und die Lösung liegt nicht in der Reduzierung des Verbrauchs, sondern in der Kontrolle des Kreislaufs und der systematischen Behandlung von Abwasser.

Durch sein Engagement bei Entscheidungsträgern und seine Arbeit vor Ort mit den verletzlichsten Gemeinschaften vertritt er eine einfache und starke Überzeugung: Sauberes Wasser ist die Grundlage jeder menschlichen und wirtschaftlichen Prosperität. In diesem Interview entschlüsselt er die Mechanismen der Krise, die strukturellen Blockaden, die Hebel zum Handeln und die Perspektiven eines Sektors, der zu einem der strategischsten des Jahrzehnts werden dürfte.

Monde Économique: Die Wasserkrise ist zu einem globalen Thema geworden. Wie würden Sie sie tatsächlich definieren?

Malek Semar: Oft spricht man von Wassermangel, doch das ist ein grundlegender Irrtum. Die Wassermenge auf der Erde ist seit 4,5 Milliarden Jahren exakt dieselbe. Was wir schlecht kennen, ist die Materie Wasser selbst. Das eigentliche Problem ist nicht die Knappheit, sondern die Kontamination. Heute werden weltweit 80 % des Abwassers unbehandelt in die Natur geleitet. Wir verschmutzen jeden Tag die Ressource, von der alles Leben abhängt, aber auch jede wirtschaftliche Tätigkeit. Wir stehen nicht vor einem zukünftigen Risiko: Wir befinden uns bereits in einer gegenwärtigen, massiven, systemischen Krise. Und wir haben nicht mehr die Fähigkeit, sie vollständig zu lösen; wir können nur noch ihre Folgen begrenzen.

Monde Économique: Die Wasserkrise wird oft als fernes Problem wahrgenommen, das trockene Regionen oder Entwicklungsländer betrifft. Doch ihre wirtschaftlichen Auswirkungen erfassen inzwischen den gesamten Planeten. Welche Risiken bestehen für die Weltwirtschaft und für ein Land wie die Schweiz?

Malek Semar: Wasser kennt keine Grenzen. Eine in Genf servierte Tomate kann am Vortag am anderen Ende der Welt bewässert worden sein. Wenn dieses Wasser kontaminiert ist, importieren Sie die Kontamination. Die Vereinten Nationen sprechen inzwischen von einem „weltweiten Wasserbankrott“, bei dem Wassersysteme nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren können. Diese Situation kostet die Weltwirtschaft bereits Hunderte Milliarden an Produktivitätsverlusten, geopolitischen Spannungen, gesundheitlichen Auswirkungen und Störungen in der Landwirtschaft. Die Schweiz ist trotz ihrer Wasserressourcen nicht geschützt. Sie ist abhängig von globalisierten Lieferketten, ausländischen Agrarproduktionen und Infrastrukturen, die angepasst werden müssen. Selbst ein Vorzeigeland kann sich nicht allein schützen: Wenn der Rest der Welt sein Abwasser nicht behandelt, kehrt die Kontamination über den globalen Kreislauf zurück.

Monde Économique: Obwohl Wasser oft als reichlich vorhandene und selbstverständliche Ressource wahrgenommen wird, haben Sie sich entschieden, Ihr Engagement einer der unterschätztesten Krisen unserer Zeit zu widmen. Warum haben Sie No Water No Us gegründet und was ist Ihre Mission?

Malek Semar: Alles begann mit dieser Zahl: 80 % unbehandeltes Abwasser. Dieses Bewusstsein entstand 2019, als ich ein Studium an der Universität Genf im Bereich Wassermanagement absolvierte. Und ich entdeckte nicht nur das Ausmaß des Problems, sondern auch das Fehlen einer kollektiven Mobilisierung, die der Herausforderung gerecht wird. Da beschloss ich zu handeln. Aus dieser Überzeugung entstand No Water No Us, eine Organisation, die auf zwei grundlegenden Verben aufbaut: sensibilisieren und handeln. Zunächst sensibilisieren, denn nichts wird sich ändern, wenn politische und wirtschaftliche Führungskräfte nicht verstehen, dass sauberes Wasser die Grundlage jeder Prosperität ist. Man muss ihnen zeigen, dass es kein Umweltthema ist, sondern ein strategisches Thema. Die Organisation entwickelt daher Lobbyarbeit, Konferenzen, pädagogische Inhalte und institutionelle Partnerschaften, um Wasser wieder in den Mittelpunkt öffentlicher und privater Prioritäten zu rücken.

Aber Sensibilisierung allein genügt nicht. Es braucht auch konkretes Handeln, direkt bei denen, die die Wasserkrise täglich erleben. No Water No Us engagiert sich daher bei indigenen Völkern, die oft am stärksten von Kontamination und fehlender Infrastruktur betroffen sind, sowie bei Grundschulen, wo die Weitergabe der Verhaltensweisen und grundlegenden Reflexe stattfindet. Wir wollen eine wünschenswerte Zukunft zeigen, nicht Schuldgefühle erzeugen. Vorstellen, was die Welt werden könnte, wenn überall sauberes Wasser verfügbar wäre. Und vor Ort beweisen, dass es Lösungen gibt, dass sie zugänglich sind und Leben verändern.

Dieser doppelte Ansatz – Entscheidungsträger von oben überzeugen, Praktiken von unten verändern – ist die Signatur der Organisation.

Monde Économique: Was verhindert heute ein massives Handeln?

Malek Semar: Die erste Blockade ist wirtschaftlich: Schmutziges Wasser abzulassen kostet null. Wasser zu behandeln kostet etwas. Solange Verschmutzung gratis ist, ist die Versuchung enorm. Die zweite Blockade ist kulturell: Wir leben in einer Welt, in der Geld über dem Leben steht. Zwischen „Monatsende“ und „Weltende“ ist die Wahl schnell getroffen. Die dritte Blockade ist finanziell: Wasser zu behandeln wird immer teurer, weil wir zugelassen haben, dass sich Schadstoffe ansammeln. Heute enthält sogar Regenwasser Mikroplastik. Wir zahlen den Preis eines historischen Rückstands.

Monde Économique: Angesichts des Ausmaßes einer Herausforderung, von der heute noch zwei Milliarden Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser betroffen sind, wird die Frage nach Lösungen zentral. Welche realistischen Ansätze gibt es für die kommenden Jahre?

Malek Semar: Die Lösungen existieren. Wasser ist seit 2010 von der UNO als Menschenrecht anerkannt. Aber ein Recht ist ohne Governance wertlos. Es braucht eine globale Governance, weil Wasser zirkuliert; lokale Lösungen, weil die Nutzungen territorial gebunden sind; massive Finanzierungen, um den Rückstand aufzuholen; und ein kollektives Bewusstsein, um aufzuhören, schmutziges Wasser abzuleiten. Heute haben zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Trinkwasser und fünf Milliarden leben ohne Sanitärversorgung. Diesen Rückstand werden wir ohne eine globale, öffentliche und private Anstrengung nicht aufholen.

Monde Économique: Welche Botschaft möchten Sie an Führungskräfte und Unternehmenschefs richten?

Malek Semar: Schauen Sie sich die Weltkarte an: Die am weitesten entwickelten Länder sind diejenigen, die Wasser systemisch managen – Trinkwasser, Abwasser, Behandlung, Wiederverwendung. Das ist kein Zufall. Wasser ist die Grundlage jeder Prosperität. Unternehmen müssen Wasser in ihre Strategie integrieren: Sicherung der Lieferketten, Reduzierung operativer Risiken, Innovation bei Behandlung und Wiederverwendung, öffentlich-private Partnerschaften, Investitionen in Wassertechnologien. Wasser ist kein Umweltthema. Es ist ein wirtschaftliches, strategisches und geopolitisches Thema.

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