Prämien, Ungleichheiten, Verantwortung… das Schweizer Unbehagen im Gesundheitswesen

23 avril 2026

Prämien, Ungleichheiten, Verantwortung… das Schweizer Unbehagen im Gesundheitswesen

Die Krankenkassenprämien sind heute die wichtigste Sorge der Schweizer Haushalte. Zwischen Kantonen, in denen doppelt so viel bezahlt wird wie bei den Nachbarn, der wiederkehrenden Debatte über die Einheitskasse und der hartnäckigen Frage nach der Eigenverantwortung der Versicherten sucht das System nach einem Ausweg, den weder die Politik noch der Markt ihm bislang bieten konnten.

Im Jahr 2026 beläuft sich die durchschnittliche Monatsprämie in der Schweiz für die Grundversicherung auf 393 Franken, ein Anstieg von 4,4 % gegenüber dem Vorjahr, das selbst bereits von deutlich stärkeren Erhöhungen geprägt war. Doch dieser nationale Durchschnitt verschleiert je nach Wohnort völlig unterschiedliche Realitäten. In Genf, dem teuersten Kanton des Landes, zahlt ein Erwachsener durchschnittlich 586 Franken pro Monat, während ein Einwohner von Appenzell Innerrhoden nur 271 Franken bezahlt – mehr als das Doppelte für exakt denselben Versicherungsschutz: Die Feststellung ist brutal, aber nicht willkürlich. Diese Unterschiede folgen exakt den tatsächlichen Gesundheitskosten in jeder Region, und genau darin liegt die ganze Komplexität des Problems. Diese Ungleichheiten sind nicht willkürlich: Sie spiegeln direkt die tatsächlichen Gesundheitskosten in jeder Region wider. Laut einer Studie des CSS-Instituts lassen sich 60 % der Unterschiede zwischen den Kantonen durch die Nachfrage nach medizinischen Leistungen erklären, anders gesagt durch das Verhalten der Versicherten selbst, und 40 % durch die Dichte des medizinischen Angebots. In städtischen Kantonen wie Genf, Basel-Stadt oder dem Tessin fördert die Konzentration von Ärzten, Spezialisten und Spitälern den Konsum von Gesundheitsleistungen mechanisch. Die Nähe des Angebots schafft ihre eigene Nachfrage, und die Prämien folgen. Hinzu kommt ein oft unterschätzter kultureller Faktor: Versicherte in der Romandie und im Tessin konsultieren im Durchschnitt häufiger als ihre deutschschweizerischen Pendants, deren Tradition der individuellen Verantwortung im Gesundheitsbereich ein tief verwurzeltes Merkmal bleibt.

Genau diese Feststellung entfacht regelmässig die Debatte über die Einheitskasse neu. Ihre Befürworter machen geltend, dass das heutige System einen weitgehend fiktiven Wettbewerb aufrechterhalte: Die Kassen konkurrierten nicht über die Qualität der Behandlungen, die durch das KVG festgelegt sei, sondern über die Auswahl guter Risiken und hohe Verwaltungskosten. Eine einzige öffentliche Kasse würde es ihrer Ansicht nach ermöglichen, diese Kosten zu bündeln und mehr Transparenz bei der Festsetzung der Prämien zu schaffen. Ihre Gegner entgegnen, ein Monopol würde jede Innovation und jeden Effizienzanreiz ersticken und die Krankenversicherung in eine unkontrollierbare bürokratische Maschine verwandeln. Das Schweizer Volk, viermal zwischen 1994 und 2014 dazu befragt, lehnte diesen Vorschlag jedes Mal ab, zuletzt mit 61,5 % der Stimmen. Das Urteil der Urnen ist klar, auch wenn der Druck auf die Familienbudgets es mit jeder neuen Prämienerhöhung weiter schwächt. Denn seit Inkrafttreten des KVG im Jahr 1996 sind die Prämien strukturell schneller gestiegen als die Kaufkraft der Haushalte und haben die Krankenversicherung zu einer eigentlichen regressiven Steuer für die Mittelschicht gemacht.

Bleibt also der Weg der Eigenverantwortung, im Grundsatz breiter akzeptiert, in der Umsetzung jedoch heikler. Der Hebel der Franchise existiert bereits: Wer sich für die maximale Franchise von 2’500 Franken statt der minimalen 300 Franken entscheidet, senkt seine Monatsprämie deutlich, übernimmt aber im Krankheitsfall mehr selbst. Dieser Mechanismus funktioniert für gesunde Menschen; er benachteiligt chronisch Kranke, für die eine hohe Franchise rasch zur finanziellen Falle wird. Über die Franchisen hinaus fehlt es an echter Gesundheitsbildung. Noch immer wissen zu viele Versicherte nicht, dass ein Anruf beim Hausarzt, bevor sie die Notaufnahme aufsuchen, erhebliche Kosten vermeiden kann, die auf alle Prämien umgelegt werden. Zu wenige wissen, dass alternative Modelle wie Hausarztmodell, HMO oder Telemedizin Rabatte von 10 bis 20 % bieten, ohne die Qualität der Behandlung zu mindern. Die Forscherin Caroline Chuard-Keller weist auf ein aufschlussreiches Paradox hin: Die meisten Versicherten wissen weder, wie ihre Prämien berechnet werden, noch warum sie je nach Wohnort so stark variieren. Vielleicht beginnt genau dort alles, in diesem Raum zwischen Unwissenheit und Entscheidung, in den weder die Kassen noch die Behörden bislang wirklich investiert haben. Die Stabilisierung der Gesundheitskosten wird weniger einen Bruch als vielmehr eine Ansammlung kohärenter Reformen voraussetzen: das Angebot regulieren, die Versicherten in die Verantwortung nehmen, Transparenz garantieren, die Solidarität erhalten. Ein Programm, bescheiden in seinen formulierten Ambitionen, anspruchsvoll in seiner Umsetzung, ganz im Bild der Schweiz selbst.

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